von Regula Enderlin Cavigelli*
Den Tod drängen und verdrängen wir aus unserem Leben. Für Sterbebegleitung gibt es Spezialisten - Profis. Der Rest der Gesellschaft braucht sich nicht damit auseinanderzusetzen.
Eine ExpertInnen Gruppe hat für den Bund einen Bericht verfasst zur Frage, ob aktive Sterbehilfe zugelassen werden soll,. In Zürich wurde durch das Gesundheitsdepartement die Frage aufgeworfen, ob in Zukunft Personen, die todkranken Menschen beim Suizid Beihilfe leisten wollen, Zutritt zu den städtischen Pflegeinstitutionen haben sollen. Das ist Anlass genug, sich grundsätzlich mit Fragen zu Tod und Sterben auseinanderzusetzen.
"Würdiges" Sterben
Würdiges Sterben heisst in erster Linie, dem Sterben als Teil des Lebens seinen Platz zu lassen. Wer den alternden, kranken, sterbenden Menschen die Würde abspricht, weil er beim Essen sabbert, sich nicht mehr selber pflegen kann oder verwirrt ist, verwechselt den Menschen mit einer Maschine. Dort ist ein Defekt ein Störfall. Wer käme aber auf die Idee einem Baby die Würde abzusprechen, weil es gefüttert und gewickelt werden muss? Wir wissen aus der Psychologie, wie wichtig Krankheit für die Entwicklung des Menschen ist. Kinder machen nach Krankheiten oft sprunghafte Fortschritte in ihrer Entwicklung. Krankheiten und Krisen öffnen uns auch später immer wieder die Augen dafür, was im Leben wirklich von Bedeutung sein könnte. Und so ist es auch mit dem Sterben. Viele Menschen, die ihnen nahestehende Menschen in den Tod begleitet haben, sind dankbar dafür, was sie erleben und erfahren durften. Sich Zeit geben zum Abschied nehmen und zur Trauer ist etwas, was für das Leben von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist.
Es ist eindrücklich, dass für viele Sterbende einmal der Moment kommt, wo sie bereit zum Sterben sind und dann auch sterben können. Das kann auch nicht religiösen Menschen zeigen, dass es nicht an uns Menschen ist zu bestimmen, wann die Zeit zum Sterben gekommen ist.
Tod und Selbstbestimmung?
Die Technik als allgegenwärtiger menschlicher Erfahrungshintergrund lehrt uns dagegen: "Alles ist möglich". So vermögen viele Menschen den Tod und das Sterben nicht mehr als Schicksal hinzunehmen. Auch er muss in die eigenen Hände genommen werden.
Nicht nur die Technik, auch die Ökonomie prägt unser Denken. Der oft pflegeintensive Weg zum Tod wird als Kostenfaktor gesehen. Das Sterben wird so zur Zumutung. Eine Gesellschaft, die keine Erfahrung mehr hat mit Tod und Sterben, die nicht wissen will, wie bereichernd und wichtig diese Zeit für Sterbende und Hinterbliebene sein kann, hat dieser ökonomischen Sicht des Sterbens wenig entgegen zu halten. Wer die aktive Sterbehilfe zulassen will, öffnet der ökonomischen und technikgeprägten Sicht vom Tod Tür und Tor. Es ist dann eine Frage der Zeit, bis es als stossend empfunden wird, wenn sich Todkranke nicht das Leben nehmen wollen, wo sie doch nur kosten. Die Bereitschaft, sich selbst aus "freien" Stücken das Leben nehmen zu wollen, wird dann sehr stark zunehmen. Der "freie" Wille ist doch alles andere als autonom und oft stark von den Erwartungen und Werthaltungen des sozialen Umfelds geprägt.
Selbstbestimmung nicht übertragbar
Auch wenn subjektiv der Todeswunsch für alle suizidgefährdeten Mensch definitiv scheint, so wissen wir aus der Suizidforschung, dass vom Suizid gerette Menschen in den weitaus meisten Fällen nach einiger Zeit nicht mehr sterben wollen. Es gibt also keinen endgültigen Todeswunsch.
Mit der Aufnahme von nicht mehr in allen Lebensbereichen selbstständigen Menschen übernimmt eine Institution eine Verantwortung für diese Menschen. Wenn öffentliche Institutionen den begleiteten Freitod explizit akzeptieren, übernehmen sie für deren Tod Mitverantwortung. Weil wir uns im Unterschied zur suizidgefährdeten Person bewusst sein müssen, dass es keinen unwiderrufbaren Todeswunsch gibt, können wir als Drittpersonen oder Institutionen nie die Verantwortung für solches Tun übernehmen.
Der freie Wille ist immer an das freie Handeln gebunden. Man kann sich den freien Willen einer anderen Person nicht aneignen und für sie handeln. Das eigene Verhalten bleibt immer in der eigenen Verantwortung.Suizide regen erwiesenermassen zur Nachahmung an. Wenn der Freitod in öffentlichen Institutionen explizit gebilligt würde, würde dies in bedenklicherweise die soziale Erwünschtheit vom sogenannten Freitod fördern.
Was wir brauchen ist nicht aktive Sterbehilfe sondern die Erfahrung, wie sehr der Tod zu unserem Leben gehört, und die Erkenntnis, dass es Dinge gibt, über welche der Mensch nicht verfügen sollte.
*Regula Enderlin Cavigelli Dr. phil. Sozialpsychologin studierte in Zürich Psychologie und Theologie und arbeitete an der Universität Bern und Zürich sowie an der Stiftung Risiko-Dialog (IVW/HSG) als Sozialwissenschafterin. Sie ist Gemeinderätin der SP.